Mister Sandman
Was das Sandmännchen mit Musik zu tun hat
Von Kerstin Sieblist, Kuratorin Musik-und Theatersammlung
»Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit, wir senden erst den Abendgruß, ehe jedes Kind ins Bettchen muss, Du hast gewiss noch Zeit!«
Mit 66 Jahren — da kommt das Sandmännchen nach Leipzig! Gerhard Behrendt entwickelte die dennoch ewig junge Puppe mit Zipfelmütze und Bart 1959 für das Fernsehen. Seitdem begleitet sie Kinder in den Schlaf. Die beliebte Sendung des damaligen Deutschen Fernsehfunks (DDR) überlebte die deutsche Teilung ebenso wie die Wiedervereinigung und bringt bis heute den Kindern jeden Abend Gute–Nacht–Geschichten. Täglich erklingt dabei auch ihre Titelmelodie mit dem bekannten Text des DDR–Kinderbuchautoren Walter Krumbach:

Der Sandmännchen-Stoff hatte allerdings lange vor der Erfindung des Fernsehens Eingang in die Musik gefunden. Das Wiegenlied »Die Blümelein sie schlafen« ist eines der frühesten Lieder, in denen die Figur besungen wird. Es gehört zu einer Sammlung angeblicher »Deutscher Volkslieder mit ihren Originalweisen«, die von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio 1840 veröffentlicht wurde. Angeblich, weil der Herausgeber etliche der »Volkslieder« selbst gedichtet hatte, so auch das Schlaflied. Die Melodie entlieh Zuccalmaglio dem Weihnachtslied »Zu Bethlehem geboren«. Johannes Brahms schätzte die im romantischen Geist geschriebenen Fake-Volkslieder Zuccalmaglios und versah einige mit einem Klaviersatz, darunter »Die Blümelein sie schlafen«, das auch unter dem Titel »Sandmännchen« bekannt wurde. Er widmete es zusammen mit anderen Liedern den Kindern von Clara und Robert Schumann.
Der kleine Kobold, der den Kindern abends Sand in die Augen streut, damit sie besser einschlafen, taucht auch in Engelbert Humperdincks Märchenoper »Hänsel und Gretel« aus den frühen 1890er Jahren auf. Dort erscheint das Sandmännchen im zweiten Akt, nachdem die Geschwister sich allein im Wald verlaufen haben und es dunkel wird. Das Männchen singt eine zarte, beruhigende Sopranarie (»Der kleine Sandmann bin ich«) und bietet, wenn auch nur vorübergehend, Schutz und Geborgenheit in einem ruhigen Schlaf.
Der Komponist Wolfgang Richter soll das Sandmannlied an einem Novemberabend 1959 innerhalb von drei Stunden komponiert haben. Vorher sei ihm der Text von der Redakteurin des Fernseh-Abendgrußes durchs Telefon diktiert worden, es herrschte Eile. Das Sandmännchenlied war Staatsauftrag, denn es kursierte das Gerücht, das West-Fernsehen plane ein Pendant zum Ost-Sandmännchen. Der drohenden Westkonkurrenz musste etwas entgegengesetzt werden, am besten etwas Unsterbliches. Richter gelang das. Er schrieb ein Kinderlied in C-Dur mit drei Strophen, einer einfachen und eingängigen Melodie, einem ruhigen, gleichmäßigen Rhythmus und einer simplen harmonischen Struktur. Bis heute unverändert, gehört der Titelsong vom »Sandmännchen« zu den bekanntesten Kinderliedern in Deutschland.
Aus den 1950er Jahren stammt der Popklassiker »Mr. Sandman«, der von Pat Ballard ursprünglich für eine männliche Stimme geschrieben wurde. Zu Weltruhm aber brachten ihn »The Cordettes«, eine amerikanische Frauengesangsgruppe. Der Song mit seinem vierstimmigen Harmoniegesang und den sich wiederholenden, lautmalerischen Phrasen verkörpert bis heute Nostalgie und die vermeintliche Unschuld der 1950er Jahre — und die Vorstellung eines Sandmanns, der keinen Traumsand, sondern lieber den Traummann bringen möge.
Diese und weitere Musikbeispiele sind in der Ausstellung »Unser Sandmännchen in Leipzig« (1.10.25— 22.2.26) an einer Medienstation zu hören sein. Hier ist Mitsingen und Mitwippen erwünscht! Außerdem gibt es originale Sandmännchen- Puppen und Begleitfiguren wie Herrn Fuchs und Frau Elster sowie Requisiten und Szenen aus verschiedenen Jahrzehnten Sandmännchen- Produktion zu sehen. Mitmachaktionen und interaktive Bereiche für Kinder lassen Familien auf ihre Kosten kommen. Die Ausstellung, die sich in Kooperation mit der rbb- Media dieser stets bodenständig gebliebenen Kultfigur der deutschen Fernsehgeschichte widmet, verbindet Generationen. Sie lässt Kinder staunen und lädt Eltern und Großeltern dazu ein, in Erinnerungen zu schwelgen und sich auffordern zu lassen: »Sei unser Gast derweil!«