Loving Lortzing

Zum Jubiläumsjahr des Komponisten

Autorin Kerstin Sieblist | Kuratorin Musik- und Theatersammlung

v. l. n. r.: Der Schriftsteller Karl Herloßsohn, der Sänger Gotthelf Leberecht Berthold und der Komponist Albert Lortzing beim Wein. Stahlstich, um 1850. Die Abbildung findet sich als Holzschnitt unter dem Titel »Ein Kleeblatt aus der Musenwelt« auch in der Zeitschrift »Die Gartenlaube« von 1864. Inv.-Nr.: MT/1977/2000

Drei Männer sitzen beisammen und trinken ein Glas Wein – sind es Freunde? Die kolorierte Grafik, vermutlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, legt diese Vermutung nahe. Die Herren wirken entspannt, als befänden sie sich in einem lockeren Abendgespräch; die Weste des Mannes im Hintergrund ist lässig geöffnet. Heute sähe eine solche Runde äußerlich wohl anders aus – vielleicht würde einer von ihnen das Handy zücken und ein Selfie machen. Doch wer weiß? Die drei Männer auf dem Bild lebten zur gleichen Zeit in Leipzig und trafen sich womöglich regelmäßig zum gemeinsamen Trinken und Reden: links der Schriftsteller Karl Herloßsohn, hinten der Buffo-Opernsänger Gotthelf Leberecht Berthold und rechts der Komponist, Sänger und spätere Kapellmeister Albert Lortzing. Einer fehlt allerdings. Zu schön wäre es gewesen, wenn auch er auf dem Stahlstich zu sehen wäre: der Publizist, Politiker und spätere Märtyrer der Märzrevolution, Robert Blum. Lortzing und Blum verband eine enge Freundschaft und eine jahrelange Zusammenarbeit, zudem teilten sie freiheitliche Ideen – Blum als Schriftsteller, Lortzing als Theatermann. Leider existiert keine Darstellung, die beide gemeinsam zeigt.

Diese Grafik ist – neben zahlreichen weiteren Exponaten aus den Sammlungen, darunter selbstverständlich auch ein Porträt Robert Blums – Teil einer Ausstellung, die ab März 2026 im Leipziger Opernfoyer zu sehen sein wird. Noch vor dem Start des Festivals »Lortzing 26« im April stimmt sie unter dem Motto »Zwischen Bühne und Barrikade« auf Lortzings Wirken ein und richtet den Blick insbesondere auf seine späte Oper »Regina«.

»Regina« entstand 1848 in Wien unter dem unmittelbaren Eindruck der Revolution von 1848/49. Während Lortzing noch an den letzten Takten arbeitete, wurde Robert Blum hingerichtet – ein erschütterndes Ereignis. Die Oper greift Themen wie Streiks, Freiheitskämpfe und ein Liebesdreieck inmitten politischer Unruhen auf und plädiert für freiheitliche Vernunft und Menschenrechte statt für revolutionäre Radikalität und Gewalt. Damit ist »Regina« eine dezidiert politische Oper. Sie unterscheidet sich deutlich von den heiteren und beliebten Spielopern aus Lortzings Leipziger Zeit, etwa »Zar und Zimmermann« (uraufgeführt 1837) oder »Der Wildschütz« (uraufgeführt 1842). Aufgrund der Zensur blieb das Werk zu Lebzeiten des Komponisten unaufgeführt; erst 150 Jahre nach 1848 kam die Freiheitsoper in ihrer Originalfassung auf die Bühne.

Den Titel gab Lortzing seiner Oper in Anlehnung an seine Ehefrau, die Schauspielerin Rosina Regina Ahles. Ein kurzer Rückblick: Mit 23 Jahren heiratete er sie, und neun Jahre später, 1833, gaben beide ihr Debüt am Leipziger Stadttheater. Lortzing wurde als Tenor und Schauspieler gefeiert, trat der Freimaurerloge »Balduin zur Linde« bei und zog mit politischen Improvisationen auf der Bühne den Unmut der Zensurbehörden auf sich. Seine Frau hingegen zog sich zunehmend aus der Schauspielerei zurück, um sich um die Familie zu kümmern. Von den insgesamt elf Kindern des Paares – acht Töchter und drei Söhne – erreichten nur sechs das Erwachsenenalter.

Lortzing selbst bezeichnete seine zwölf Leipziger Jahre als »glücklich«. Es waren überaus produktive Jahre: Fünf Opern wurden uraufgeführt, deren Libretti er übrigens selbst verfasste – noch bevor Richard Wagner diesen Weg einschlug. Beim Publikum war er äußerst beliebt und wurde 1844 zum Kapellmeister des Stadttheaters ernannt. Als ihm diese Position bereits ein Jahr später aus finanziellen Gründen von einer neuen Theaterleitung wieder entzogen wurde, kam es zu lautstarken Protesten. Das Publikum versuchte mit Beifall und Sprechchören, seinen Kapellmeister zu halten – vergeblich. Lortzing verließ Leipzig und nahm eine Dirigentenstelle in Wien an, doch auch dieses Engagement währte nicht lange. 1851 starb er im Alter von nur 49 Jahren, erschöpft und hochverschuldet, in Berlin.

Für die intellektuelle Leipziger Musikerelite, zu der Persönlichkeiten wie Mendelssohn und Schumann gehörten, spielte Lortzing kaum eine Rolle. Der beim Publikum so geschätzte, leidenschaftliche Theatermann wurde von den Vertretern dessen, was man heute als Hochkultur bezeichnen würde, nicht ernst genommen. Immerhin organisierte die Sopranistin und Salonière Livia Frege nach seinem Tod ein Benefizkonzert zugunsten seiner verarmten Hinterbliebenen. Der Musikjournalist Axel Brüggemann bezeichnete Albert Lortzing jüngst treffend als »wahrscheinlich unterschätztesten Musiker der Stadtgeschichte«.

Ausstellung »Zwischen Bühne und Barrikade« im Foyer der Oper, 2025 (c) SGM Leipzig

In diesem Jahr haben die Leipzigerinnen und Leipziger nun die Gelegenheit, den Komponisten neu zu entdecken – und vielleicht bei einem Glas Wein auf ihn anzustoßen.

Die Ausstellung im Foyer der Oper Leipzig ist ab März 2026 zu sehen und begleitet das Festival »Lortzing 26« unter dem Motto »Zwischen Bühne und Barrikade«. Sie widmet sich Leben, Werk und politischem Kontext Albert Lortzings mit besonderem Fokus auf seine Oper »Regina«.