Im Mittelpunkt: Der Mensch
Museen als Residuen der Humanität und Welterfahrung
AUTOR Dr. Anselm Hartinger Direktor Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Die Welt verändert sich. Immer schneller und unübersichtlicher stürmen neue Herausforderungen und multiple Krisen auf uns ein, werden in gewaltigen und gerade hierzulande häufig erst nachholenden Kraftanstrengungen Effizienzgewinne gesucht und Entwicklungssprünge angestrebt.
Dies alles ist nicht neu und hat mitsamt schmerzlicher Umbrüche und Transformationserfahrungen kaum eine historische Generation verschont — unsere Museums- und Archivbestände zeugen davon. Dabei ist unserer heutigen (Stadt-)Gesellschaft immerhin ein zivilisatorischer Stand und ein Wohlstandsniveau zugewachsen, die in der Geschichte ihresgleichen suchen. Anders als bei vergleichbaren Konstellationen der Vergangenheit geht es im Zeichen von Standardisierung, Digitalität und Künstlicher Intelligenz nun aber darum, ob wir uns wenigstens einen Rest an lebenspraktischen Spielräumen erhalten. Und ob menschliche Entscheidungskompetenz und Kreativität überhaupt noch gefordert sind. Ebenso steht infrage, wie wir uns angesichts des zunehmenden Verlustes unserer dreidimensionalen Wahrnehmungsfähigkeit ein Verhältnis zur umgebenden Welt bewahren. Und welchen Platz wir im Zuge eines allumfassenden Optimierungsstrebens dem eben doch so schlecht nach »0« oder »1« klassifizierbaren »Chaos« der menschlichen Emotionen als dem natürlichem »Habitat« aller Kunst und Kultur noch einräumen wollen — wenn doch bereits ein nicht pikobello aufgeräumter Schreibtisch zuweilen als Ausweis vorgestrig-störrischer Individualität gilt. Zudem befindet sich aufgrund der Omnipräsenz vermeintlich »objektiver« Auskunftsmaschinen sowie angesichts der genauso kommerziell wie populistisch befeuerten Banalisierung des digitalen Raums jenes historische Allgemeinwissen auf dem Rückzug, an das sich bislang bei Bildungsformaten und selbst in Bewerbungsgesprächen noch halbwegs verlässlich anknüpfen ließ. Damit aber geht ein systematisches »Abtrainieren« der Fähigkeit zur kritischen Bewertung auch gegenwärtiger Entwicklungen einher — eine für die demokratische (Wissens-)Gesellschaft bedrohliche Entwicklung.

Museen wächst in diesem Prozess zunehmender Entfremdung eine besondere Verantwortung zu. Sie hat viel mit jener Glaubwürdigkeit unserer Institutionen und Narrative zu tun, die sich in Studien sowie Publikumsbefragungen immer wieder bestätigt. So gehören Museen zu den wenigen verbliebenen Foren einer Begegnung, die selbst konfrontativ abgegrenzte Echokammern und gespaltene Sozialmilieus überbrückt. Auch das für uns selbstverständliche Insistieren auf belegbaren Fakten sowie die Präsenz und das Erläutern historischer Objekte und Gebrauchszusammenhänge sind geeignet, einer digital geprägten Verflachung von Wahrnehmungsweisen entgegenzuwirken. Denn natürlich nutzen auch wir moderne Medien, um Präsentationen einleuchtend und Funktionsweisen verständlich zu machen. Und klar kann ein umsichtig eingesetztes Recherchetool bei der seriellen Auswertung von Dokumenten helfen.
Im Kern aber setzen wir auf die sinnliche Erfahrbarkeit von Räumen, Dingen, Klängen und Zeitschichten sowie auf das unverwechselbare Erlebnis, selbstbestimmt und händisch etwas begreifen und gestalten zu können.
Der Erfolg unserer gerade zu Ende gegangenen Sandmännchen-Ausstellung hat genau mit diesen nicht nur für Kinder beglückenden Ausmalblättern und Puppentheater-Bühnen zu tun.
Diese Lust am Staunen und Entdecken, diese Freude am Unperfekten und Realen ist die wahre Essenz von Museumsarbeit — so, wie die Bereitschaft zum gedanklichen Umweg und produktiven Scheitern echte Kreativität und Wissenschaft von redundanter Ergebnisorientierung und vom Halluzinieren darauf getrimmter KI-Lösungen unterscheidet. Wir wollen in diesem Sinne nicht nur Kitt der Gesellschaft und Schutzraum einer nicht ausschließlich zweckorientierten Kommunikation, sondern ausdrücklich Sand im Getriebe der Verwertungslogik allen Denkens und Arbeitens sein. Die demokratische und liberale Verfasstheit eines Gemeinwesens erweist sich nicht zuletzt daran, das sie dies zulässt und auch in Zeiten knapper werdender Ressourcen Institutionen und Anliegen einer kritischen Erinnerungskultur zu finanzieren bereit ist. Schließlich sollte sich hinter den mit berechtigter Verve hochgehaltenen »Brandmauern« noch etwas befinden, dass es im Namen einer auch strukturellen Vielfalt und (Zweck-)Freiheit zu verteidigen lohnt. Das schließt ein Mehr an Verantwortung und eine im besten Sinne unternehmerische Denkweise ausdrücklich ein, um die sich Museumsleitungen nicht nur in dieser Stadt seit langem bemühen.
Was Leipzig für all dies an Potentialen zu bieten hat, erkunden wir in Vorbereitung eines Projektes gerade neu, das sich 2027 mit der Dimension des tätigen Machens in der Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen wird. Und ob wir nun die Kulturgeschichte des Sommers in Leipzig erkunden oder dem Schicksal der jüdischen Fotografenfamilie Mittelmann Raum geben — stets geht es um das Glück des Entdeckens, Fabulierens und Verknüpfens. Wo der Mensch im Mittelpunkt steht, ist ein über den Neustart von Systemen hinausgehender Neubeginn jederzeit möglich — was die Geschichte dafür an Ermutigungen bereithält, bereiten wir tagtäglich für Sie auf.
Mehr Beiträge und Einblicke in die Arbeit des Museums erhalten Sie in der digitalen Ausgabe der MuZ Museumszeitung 2026 hier: PDF
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