Unscheinbarer Schatz

Zeitungsausschnittsammlung von Ernst Wohlrath

Von Marko Kuhn, Bibliothek

Gerade Spezialbibliotheken wie bei uns haben häufig Zeitungsausschnitte zu bestimmten Themen in ihren Regalen, so auch wir. Meist sind es dann aber kleinere Mappen oder Hefte, in denen auf Papierträger Ausschnitte aus Tageszeitungen eingeklebt sind. Bei der Sammlung Wohlrath ist alles etwas anders — und größer …

Ernst Wohlrath war ein waschechter Schönefelder. Am 2. Aug. 1912 geboren erlebte er bewusst den Zweiten Weltkrieg und arbeitete als Stenotypist, Buchhandlungsgehilfe und Buchhalter. Als Mitglied der Fachgruppe Stadtgeschichte betätigte er sich zeitlebens als Heimatforscher. Bereits zu Lebzeiten überreichte er der Bibliothek des Museums seit den 1970er Jahren vor allem maschinenschriftliche Manuskripte oder beispielsweise eine von ihm selbst verfasste Übersicht der Bombenangriffe auf Leipzig zwischen 1940 und 1945, abgeschrieben nach persönlichen Aufzeichnungen aus jener schrecklichen Zeit. Auch in den Leipziger Blättern verfasste er einen Aufsatz über Schönefeld. Ab den 1980er Jahren bekam die Bibliothek von ihm nach und nach seine Zeitungsausschnittsammlung, die letzten Bände fanden noch nach seinem Tod am 18. Mai 1991 den Weg ins Museum. Wir führten die Sammlung teilweise noch bis Mitte der 1990er Jahre weiter.

Bände aus der Wohlrath-Sammlung

Die Sammlung Wohlrath mit den Zeitungsausschnitten kann man schon als einmalig bezeichnen. Zwei Merkmale machen sie zu etwas ganz Besonderem. Zum Ersten ist es der Umfang der ausgewerteten Quellen. Wohlrath wertete ab 1953 akribisch täglich jede laufende Tageszeitung aus, die sich mit Leipzig beschäftigte: die »Leipziger Volkszeitung«, die »Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten«, das »Sächsische Tageblatt«, die Lokalausgabe der »Union« und die »Azet« (Abendzeitung, 1960er und 1970er Jahre). Allein das musste schon zu DDR-Zeiten ein riesiger Aufwand gewesen sein. Hinzu kommt aber noch, dass er auch historische Quellen mit verwertete. Er klebte Aufsätze aus den legendären »Leipziger Kalendern«, erschienen mit kriegsbedingten Lücken zwischen 1904 und 1942, und älteren Tageszeitungen ein, tippte Einträge aus alten Lexika und anderen Quellen ab und garnierte das Ganze mit historischen Postkarten und Bildern. Hinzu kamen selbst gemachte Fotos, exakt eingebracht in Fotoecken. Und alles ist korrekt mit handschriftlich vermerkten Quellenangaben versehen.

Das zweite Alleinstellungsmerkmal ist der pure Umfang der Sammlung: Insgesamt besteht sie aus mehr als 600 Ordnern und mehr oder weniger dicken Heften.

Teil der Wohlrath-Sammlung im Regal

Das Besondere am Gesamtpaket ist nämlich, dass es aus verschiedenen Teilsammlungen besteht. So hat Wohlrath täglich Artikel zu einzelnen Leipziger Straßen und Plätzen ausgeschnitten, so dass in allein zu diesem Thema 57 Bände entstanden. Weitere Teilsammlungen in ähnlichem Umfang gibt es u.a. zu einzelnen Stadtteilen, Städten und Dörfern aus der Umgebung Leipzigs sowie als Hauptsammlung die Bände nach allen möglichen Sachthemen zur Geschichte Leipzigs geordnet (mehrere hundert Bände und Hefte). Seinem Hauptsteckenpferd Schönefeld widmete Wohlrath natürlich ebenfalls eine eigene Sammlung, teilweise sogar garniert mit Autogrammkarten von ehemaligen Prominenten aus »seinem« Stadtteil.

Zahlreiche wissenschaftlich Forschende, Studierende aus der Geschichte und Heimatinteressierte wurden bisher in der Sammlung fündig und waren begeistert. Gerade was die DDR- und die unmittelbare Nachwendezeit Leipzigs betrifft, ist die Wohlrath-Sammlung ein wahrer Schatz. Zu einigen Themen wie z.B. zur Geschichte des Clara-Zetkin-Parks gibt es fast nur hier ausführliche Informationen. Auch bei Nachfragen aus der Öffentlichkeit greifen wir gern zu den Bänden. So konnten wir im Hitzesommer 2018 eine Presseanfrage beantworten, die auch viele Menschen aus Leipzig umtrieb und bei der nicht einmal das Amt für Stadtgrün und Gewässer helfen konnte. Als damals der vordere Rosentalteich im Rosental komplett austrocknete, kam darin ein mysteriöses achteckiges Fundament zum Vorschein. Dank des Bandes »Naherholung« konnten wir herausfinden, dass dort in den 1960er Jahren ein Wasserfontänenprojekt angefangen, aber nie beendet wurde. Das war ganz sicher nicht das letzte Mal, dass wir dank der unerschöpflichen Quelle ein Leipziger Geheimnis aufklären konnten.