Ein Plan, zwei Tassen und eine Flucht
Napoleons Rückzug aus Leipzig
Von Michael Stephan, Dokumentation
Unsere musealen Sammlungen halten viele dingliche und schriftliche Überlieferungen bereit, die mit den ereignisreichen Oktobertagen des Jahres 1813 verbunden sind. Aufmerksame Zeitzeugen hinterließen dazu aufschlussreiche Objekte, Zeichnungen und Berichte. Was Kaffeetassen und Stadtpläne über die Fluchtroute Napoleon Bonapartes und die Sicht »fischelanter« Zeitgenossen auf die letzten Stunden des französischen Kaisers in Leipzig erzählen, lässt sich im Rahmen musealer Sammlungsarbeit erschließen.
Die folgenden Schilderungen beruhen auf einem 1814 erschienenen Plan Leipzigs mit Angaben zur Fluchtroute Napoleons sowie der 1866 von Theodor Apel veröffentlichten Zusammenstellung der »Kriegsereignisse bei Leipzig im October 1813«.

Es war der morgen des 19. Oktober 1813. Eine der bis dahin größten Entscheidungsschlachten erlebte ihre finale Phase. Die Truppen der Verbündeten hatten die französischen Einheiten bis an die Grenzen der Stadt zurückgedrängt. Bereits in der Nacht wurden Rückzugsvorbereitungen getroffen. Vom Hôtel de Prusse aus machte sich der französische Kaiser um 8.45 Uhr auf den Weg zum Thomäschen Haus am Marktplatz, um sich vom sächsischen König zu verabschieden.
Während dieses um 9 Uhr begonnenen halbstündigen Treffens wurde ihm ein Getränk in einer dekorativen Porzellantasse serviert — vielleicht ein Kaffee zum Abschied?
Jene besagte Tasse ist heute im Museum Zum Arabischen Coffe Baum ausgestellt und zeugt noch immer von diesem Ereignis.
Vom Marktplatz aus brach Napoleon in Begleitung einiger seiner Generäle gegen 9.30 Uhr auf und ritt durch die Hainstraße zum inneren Ranstädter Tor. Dort allerdings, so ist der Beschreibung von 1814 zu entnehmen, musste er umkehren, »… da es so sehr verstopft war.« Auf dem Weg vom Ranstädter Tor über die Fleischergasse passierte der Tross das Haus Zum Arabischen Coffe Baum — bedauerlicherweise ohne dort zu halten oder gar einzukehren. Mit Sicherheit hätte dieser Besuch sonst eine weitere überlieferte Tasse im Sammlungsbestand zur Folge gehabt. Über die Klostergasse ging es weiter zur Burgstraße. Man pausierte kurz am Haus Nr. 143 und der Kaiser stärkte sich an einem Riechfläschchen. Über die Schlossgasse gelangte der Zug durch das Peterstor zur Promenade am Rossplatz, wo er in Richtung des Großbosischen Gartens abbog.


Abb. rechts: Tasse aus dem Königshaus am Markt, um 1810, Inv.-Nr.: Po 220 a
Auf dem Stadtplan ist vermerkt, dass Napoleon nach einem »Seitenweg« fragte und die Antwort erhielt, dass der Feind gerade dahin vordringe und er nicht weiterkommen würde. Nach Überlieferung Apels nahm Napoleon stattdessen die Route zum Rossplatz, um sich von seinem Marschall MacDonald zu verabschieden, der mit seinem Corps den Rückzug decken sollte. Warum er dazu nicht den direkten Weg vom Markt aus über die Petersstraße wählte oder dies gleich am Morgen vom unmittelbar benachbarten Hôtel de Prusse aus getan hatte, ist ungewiss. Vom Rossplatz aus ging es entlang der Promenade an der Pleiße durch das Naundörfchen zum Ranstädter Steinweg. Zwischen 11 und 12 Uhr passierten Napoleon und die ihn begleitenden Generäle das äußere Ranstädter Tor und trafen in der Lindenauer Mühle ein. Gastfreundlich wurde auch hier wieder ein Getränk in einer formschönen Porzellantasse serviert — vielleicht ein weiterer Kaffee zur Aufmunterung? Auch diese Tasse fand glücklicherweise den Weg in unser Museum; sie ist mittlerweile im Forum 1813 neben dem Völkerschlachtdenkmal zu bestaunen.
Ein Rückzug aus Leipzig mit gleich zwei Kaffeepausen innerhalb eines Vormittags — eine hektische Flucht nach verlorener Schlacht war dies wohl eher nicht.
Dennoch war der Preis der Niederlage hoch. Neben tausenden Gefallenen gerieten Apel zufolge 27 Generäle, 3.000 Offiziere und 30.000 Soldaten in Gefangenschaft. Die kurz nach 12 Uhr gesprengte Elsterbrücke blockierte den Fluchtweg, so dass nicht nur der verwundete Marschall Poniatowski ertrank.
Diese ereignisreichen Oktobertage haben die Zeitzeugen so bewegt, dass etliche solcher Gedenkobjekte aufbewahrt wurden und ein geschäftssinniger Verleger sogar jenen Plan mit satirisch kommentierter Fluchtroute herausgab.
Was daran Wahrheit oder Legende, Souvenir oder Marketingprodukt war, lässt sich nicht immer genau sagen. Doch helfen uns Sammlungsstücke dieser Art noch heute, spannende Geschichten über die letzten Momente des französischen Kaisers in und um Leipzig zu erzählen.