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Mehr als Muse und Modell

Sonntag 11. September
Tausend Dank für Deinen Brief. Wie unglücklich bin ich und wie sehne ich mich! Deine Lilien blühen jetzt alle vor dem Fenster und grüßen Dich. – T. K. D. M.

Mittwoch 14. Sept.

Gott sei Dank eine Nachricht. Ich war blödsinnig vor Unruhe – Tausend Küsse aber nun eine Nachricht von Dir. Du glaubst nicht wie es in mir aussieht!
Tausend Küsse – In Eile nur die Worte – Mein Lieb, meine Angebetete           
D. M.

Der da so drängend und ungeduldig auf Nachricht von seiner Liebsten wartet, ist Max Klinger, der berühmte Leipziger Maler und Bildhauer. Die Abkürzung T.K.D.M. für „Tausend Küsse Dein Max“ verwendet er immer wieder in den Briefen an seine Lebensgefährtin Elsa Asenijeff, von denen das Stadtgeschichtliche Museum mehr als 1300 verwahrt.

Die Briefe aus den Jahren 1898 bis ca. 1918 sind voller Poesie und Leidenschaft, viele zeugen auch von der tiefen Anteilnahme an der künstlerischen Arbeit des anderen. Später geht es auch um Eifersucht und letztendlich um das Scheitern einer Liebe, die den Konventionen der Zeit zuwiderlief.

Das Medium des Liebesbriefs erscheint in der momentanen Zeit von Kontaktbeschränkungen wieder topaktuell, wenn auch eigentlich lange ganz aus der Mode gekommen. Sogar die Bundeskanzlerin hat in ihrer ersten Fernsehrede zur Corona-Krise angeregt, wieder einmal Briefe zu schreiben und so mit den Lieben nah und fern in Verbindung zu bleiben.

Während das Museum der bildenden Künste seine große Ausstellung zu Klingers 100. Todestag in diesem Jahr hoffentlich bald wieder für die Besucher öffnen kann, würdigt das Stadtgeschichtliche Museum voraussichtlich ab Juni die Dichterin Elsa Asenijeff mit einer Ausstellung und Publikation. Neben dem Briefwechsel soll Elsa Asenijeff auch als bedeutende Schriftstellerin des Frühexpressionismus in den Mittelpunkt gestellt werden, um sie aus dem Schatten von Max Klinger heraustreten zu lassen. Zu oft wurde sie auf ihre Rolle als dessen Muse und Modell reduziert.

Es ist nicht leicht, die Persönlichkeit Asenijeffs unvoreingenommen zu würdigen, wenn man das traurige Ende der Geschichte kennt und automatisch mitdenkt. Zu ihrem Leben gehört das große Unrecht, das ihr in Leipzig nach dem Tod Klingers im Jahr 1920 zugefügt wurde, als sie schutz- und mittellos aufgrund der Diagnose „Querulantentum“ entmündigt und bis zu ihrem Tod 1941 in psychiatrischen Einrichtungen und Fürsorgeanstalten untergebracht wurde. Wir hoffen sehr darauf, dass die Ausstellung diese Wahrnehmung nachhaltig geraderückt und im Medium der vertrauten Briefe auch die Intensität einer inspirierenden Liebe spüren lässt.

Inv.-Nr. A/2011/2
Max Klinger an Elsa Asenijeff, 11. bis 14. September 1898


Weitere Objekte können Sie in der Sammlungsdatenbank des Museums recherchieren