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Erwachsen werden

Der Übergang von der Kindheit zum jungen Erwachsensein wurde und wird in vielen Kulturen und Religionen mit besonderen „Rites de Passage“ begangen. Während die aus der Arbeiter- und Freidenkerbewegung stammende weltliche Jugendweihe auch nach dem Ende der DDR gerade in Ostdeutschland noch vielfach vorherrscht, war es jahrhundertelang die altkirchlich-katholische „Firmung“ bzw. evangelische „Konfirmation“, die für junge Menschen weit mehr als die Teilnahme am Erwachsenengottesdienst und sakramentalen Abendmahl („Erstkommunion“) bedeutete.

Denn neben der nach längerer Vorbereitungszeit bestandenen Glaubensprüfung steht dabei das mit umfangreichen Geschenken verbundene „Ernstgenommen werden“ im Mittelpunkt. Dass dieses oft aufwendig vorbereitete Familienfest in diesem Jahr pandemiebedingt fast überall verschoben werden muss, ist nicht nur ein schwerer Schlag für Gastronomen, Floristen und Alleinunterhalter. Es gefährdet auch das oft nur fragile Band zwischen Kirchengemeinden und Jugendlichen und setzt zudem einen wichtigen familiären Anlass außer Kraft, der wie wenige geeignet ist, Generationen zu verbinden und nach den dunklen Wintermonaten ein beschwingtes Maifest zu feiern.

Für diese auch unter schwierigsten Bedingungen aufrechterhaltene Tradition steht unser heutiges Hoffnungszeichen. Es ist jener Laufzettel, den die junge Leipzigerin Helga Zimmermann während ihrer Konfirmandenzeit 1940/41 stets mit sich führte, um sich die vorbereitenden Pflichtteilnahmen an Gottesdiensten ihrer Gohliser Versöhnungs-Kirchgemeinde abstempeln zu lassen. Ob sie dies zuweilen ähnlich murrend wie manche ihrer heutigen Nachfolger/-innen tat, können wir nur erahnen. Wie intensiv sich die ganze Familie auf dieses Fest vorbereitete, zeigt aber das ebenfalls erhaltene Konfirmationskleid aus schwarzem Samt mit weißem Seidenkragen, für das eine wohlmeinende Tante eigens das mütterliche Festkleid umgeschneidert hatte. Die später verheiratete und erst kürzlich verstorbene Helga Rohr hat Kleid und Konfirmandenzettel über all die Jahre bewahrt und unserem Museum auch sonst manches Lebensandenken geschenkt. Es war auch ihrer Erinnerung zufolge selbst nach sieben Jahren NS-Herrschaft noch kein Akt des Widerstandes, an den christlich geprägten Alltagsriten festzuhalten. Ein Stück behauptete Normalität und Beziehung auf andere Werte war es in dieser auch moralisch aus den Fugen geratenen Zeit aber doch.

Inv.-Nr.: A/2016/172
Konfirmandenzettel von Helga Zimmermann, Versöhnungskirche Leipzig-Gohlis, 1940/41


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