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Heilige im Gepäck

Seit mehr als tausend Jahren besuchen Gläubige biblische Erinnerungsstätten und Orte von Wundererscheinungen, weil sie sich Trost in schweren Lebenslagen, Linderung von Gebrechen, die Lösung von eigener Schuld oder auch die Stärkung ihres Glaubens erhoffen. Die Pilger reisten mit Stab, Pilgerhut, langem Mantel und Pilgerzeichen unter kirchlichem Schutz. Die Wege dahin waren nicht nur festgeschrieben, sondern wie Perlen auf einer Schnur von wundertätigen Heiligtümern aufgereiht. So auch die Wallfahrtskirche zu den 14 Nothelfern in Lützendorf (später: Vierzehnheiligen) bei Jena. Aus dieser Kirche stammt unser Pilgerzeichen, das in den 1950er Jahren in einer Leipziger Baugrube am Ranstädter Steinweg gefunden wurde.

Es war ein Massenprodukt und wurde aus einer Blei-Zinn-Legierung in einer flachen Form gegossen. Durch das Zeichen offenbarte sich der Träger als Teilnehmer einer Wallfahrt. Die Randösen ermöglichten die Befestigung des Zeichens an der Kleidung oder einer anderen Oberfläche. Im quadratischen Feld stehen in drei Reihen übereinander je vier Nothelfer, im Giebel Maria mit dem Kind und zwei weiteren Nothelfern. Als Nothelfer fungierten 14 Heilige, die, regional unterschiedlich, in Notzeiten angerufen wurden, unter ihnen stets die Mutter Gottes und oft der Schutzheilige aller Reisenden Christophorus.
Die Anziehungskraft von Vierzehnheiligen belegen auch die Abformungen von Pilgerzeichen auf den Glocken von Kulkwitz bei Leipzig und Laustädt bei Merseburg.

Pilgern ist zeitlos. Die Motivation liegt in der Religion, im Spirituellen oder zunehmend auch im Drang zur Selbstfindung und inneren Einkehr. Wohl aber nicht nur: Eine Gerichtsakte des 15. Jahrhunderts berichtet, dass ein Ehebrecher, um der Gefängnisstrafe zu entgehen, ersatzweise auf eine vom Gericht festgelegte Pilgertour ging. Blutig gelaufene Füße und die zu keiner Zeit gesunde Übernachtung in überfüllten Massenunterkünften sind aber keine Garantie dafür, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu besinnen. Dazu gehört mehr – manch Pilgernder wird gestern wie heute diese ambivalente Erfahrung gemacht haben. Sich aktiv auf den Weg zu machen, tut Körper und Geist aber immer gut.

Inv.-Nr.: Me B 34
Pilgerzeichen, 1464


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