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„Frau, der Arbeit aufgewacht“

In Zeiten rapider ökonomischer Erschütterungen zeigen sich nicht nur Ausmaß und Grenzen des zwischenmenschlichen Zusammenhalts. Auch in Arbeitsverfassung und Sozialsystem bewähren sich krisenfeste und partnerschaftliche Mechanismen – oder vielerorts auf dieser Welt und allzu zu oft auch in unserem Land eben auch (noch) nicht.

Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung, Kurzarbeitergeld und Krankenversicherung – bei nicht wenigen dieser momentan so wichtigen Instrumente gerät zuweilen in Vergessenheit, daß sie trotz Bismarck, Erhard & Co. kaum je staatliche Wohltaten waren, sondern von der gewerkschaftlichen Arbeiterschaft in teils harten und langwierigen Kämpfen erstritten und gesichert wurden.

Eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der organisierten Arbeiterbewegung spielt seit beinahe 150 Jahren der 1. Mai. Seine mit Kundgebungen, der roten Fahne und Symbolen wie der Nelke verbundene Semantik geht auf eine blutig unterdrückte Demonstration für die Einführung des Achtstundentages am 1. Mai 1886 in Chicago zurück. Den 1889 von der sozialdemokratischen II. Internationale zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“ erklärten Termin ließen sich die Werktätigen nicht mehr nehmen; zum dienstfreien „Tag der nationalen Arbeit“ machten ihn allerdings erst die Nazis, die die Arbeiterbewegung so zunächst vereinnahmten, bevor sie am nächsten Tag, dem 2. Mai 1933, im ganzen Reich Gewerkschaftshäuser stürmten und Aktivisten verhafteten.

Von einer Zeit vor den politischen Indienstnahmen des 1. Mai erzählt unser Objekt – eine allerdings erst nachträglich am 2.5.1909 in Dresden abgestempelte Postkarte, die dem in Leipzig-Schleussig wohnenden Max Starke die „herzlichsten Grüße“ zur „Maifeier“ übermittelte. Ihre Vorderseite drückt unübersehbar den nur aus der Rückschau naiv wirkenden Fortschrittsoptimismus vor dem Ersten Weltkrieg aus. Eine über den Wolken schwebende Frauenfigur, in der sich antikisierende Freiheitsgöttin, französisch-republikanische Marianne mit Jakobinermütze sowie himmelfahrende Madonna zu mischen scheinen, trägt in der linken Hand die wehende rote Fahne, während sie mit der rechten auf die Morgensonne einer lichten Zukunft weist. Am unteren Rand sind hart arbeitende Werktätige zu sehen, die ihre Werkzeuge und Landbaugeräte präsentieren und gerade in ihrem hoffnungsfrohen Erbauerstolz menschliche Züge jenseits des grauen Arbeitsheeres ausbilden.

Auch wenn in diesem Jahr die öffentlichen Maikundgebungen ausfallen, stellt das Miniatur-Transparent für uns Heutige drei Dinge klar: Die Zukunft der Arbeit ist auch weiblich, geschenkt wird einem nichts, und wer sich beherzt für aller Rechte einsetzt, kann notfalls auch mit Maske Gesicht zeigen.

Inv.-Nr.: F/318/2008
Postkarte zur Maifeier, 1909


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