Der Fotoschatz vom Dachboden

Einmaliges Zeugnis jüdischen Lebens gerettet

Auf dem Dachboden des Wohnhauses Peterssteinweg 15 in der Leipziger Südvorstadt wurde 1988 ein Schatz an Erinnerungen entdeckt. Er konnte nun an Nachkommen zurückgegeben und soll in Zusammenarbeit mit dem Stadtgeschichtlichen Museum behutsam für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Wohn- und Geschäftshaus mit Atelier A. Mittelmann. Foto: Hermann Walter, 1932. Inv.-Nr.: F/6902/2005

Nach einem Hinweis von Hausbewohnern fand die Leipziger Fotografin Gudrun Vogel 1988 über 2.000 Glasnegative in stark verschmutzten und zum Teil durchnässten Pappkartons auf dem Dachboden des unsanierten Hauses vor. Wie sich herausstellte, handelte es sich um den zurückgelassenen Bestand an Glasnegativen aus dem Atelier des jüdischen Fotografen Abram Mittelmann. Er lebte und arbeitete von 1909 bis 1938 in diesem Haus.

Abschied von Selma. Gruppenbild der Familien Mittelmann und Samter vor der Emigration von Selma Samter, einer Schwester Almas. Stehend im Hintergrund: Nadja und Abram Mittelmann, davor Alma und Selma (Mitte). Photo: Abram Mittelmann, um 1934

Abram Mittelmann wurde 1876 in Mohilev (Russland) geboren. Im Jahr 1904 kam er mit seiner 1882 geborenen Frau Rosa (Rejsa) (geb. Mordchin, verstorben 1932) nach Leipzig. Hier wurden ihre drei Kinder geboren: »Eugen« Leon (1906), Sophie Nadjeschda »Nadja« (1909) und Siegfried Emanuel »Sigi« (1917). Seit 1909 lebte und arbeitete die Familie Abram Mittelmann im Peterssteinweg 15. Sie war eng mit der Jüdischen Gemeinde verbunden. Die Kinder besuchten die Jüdische Schule in Leipzig und arbeiteten danach im Fotogeschäft und Atelier mit. Auch weitere Verwandte der Familie lebten in Leipzig. Auf der Flucht vor den nationalsozialistischen Demütigungen und Repressalien floh der Fotograf mit seiner Lebensgefährtin Alma Goliner (geb. Samter) 1938 aus Deutschland. Er musste große Teile seines Schaffens und seinen übrigen Besitz zurücklassen. Wie in den meisten verfolgten jüdischen Familien erging es den Mittelmanns: Kein Überlebender aus der Familie kehrte nach dem Krieg nach Leipzig zurück. Ihre Lebensgeschichte hier geriet in Vergessenheit, zumal auch die sozialistische DDR lange kein Interesse daran hatte. Das änderte sich erst in den späten 1980er Jahren, kurz vor dem Zusammenbruch dieses Staates.

Eine erste Auswahl des 1988 gefundenen Fotobestandes fand bereits wenig später Eingang in die vor Ort und überregional sehr beachtete Ausstellung »Juden in Leipzig« 1988. Darin setzten sich die staatlichen Veranstalter und die Universität Leipzig, dank der Unterstützung und auf Druck von vielen Engagierten, erstmals mit der jüdischen Geschichte der Stadt auseinander. Anlass war der 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938. Vielen Besucherinnen und Besuchern wurde die bedeutende jüdische Geschichte Leipzigs so zum ersten Mal bewusst.

Sigi Mittelmann als Kind, Photo: Abram Mittelmann, um 1924

Eine erste Bestandsbeschreibung und Systematisierung erarbeitete der Kulturwissenschaftler Wieland Zumpe in Zusammenarbeit mit Gudrun Vogel in den 1990er Jahren. Alle Glasnegative sind von der Finderin Gudrun Vogel akribisch gereinigt worden. Dank dieser überaus wichtigen Vorarbeiten gibt es heute einen ersten guten Überblick über die Sammlung. Diese umfasst demnach Aufnahmen in Form von 2.068 Glasnegativen und 110 Negativen als Filmstreifen, überwiegend aus den Jahren 1920 bis 1938. Insgesamt handelt es sich um 3.383 nutzbare Abbildungen (auf den meisten Glasplatten befinden sich zwei Aufnahmen). Etwa 80 Prozent aller Fotos sind Portraitaufnahmen.

Es waren aber nicht nur jüdische Menschen, die in dieses Atelier gingen. So finden sich auch Aufnahmen von uniformierten SA-Männern oder Menschen in bürgerlicher Kleidung mit Abzeichen der NSDAP, die ihr neues Selbstbewusstsein und ihre neue soziale Stellung dokumentiert wissen wollten. Insgesamt gibt es 2.166 Negative mit Portraitaufnahmen, die Abram Mittelmann bereits weitgehend mit dem Nachnamen verzeichnete. Neben eigenen Familienfotos findet man auch Gruppenbilder und Werbefotos von Geschäften. Vom März 1920 bezeugen Straßenfotos den Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik in Leipzig. Sie zeigen etwa das niedergebrannte Volkshaus oder Barrikaden in der Innenstadt. Dazu kommen noch einige Stadtansichten. Sie sind seltene Zeugnisse von heute zerstörten Bauten der Stadt, besonders Kirchen.

Johanniskirche am Johannisplatz, Foto: Sammlung Mittelmann
Kapp-Putsch in Leipzig, 1920, Foto: Sammlung Mittelmann

Im Jahr 2022 wurden die Glasnegative in treuhänderischer Verantwortung gegenüber den Erbinnen und Erben in Frankreich dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. übergeben. Eine Initiative aus der Enkelin Nadia Vergne, dem Stadtgeschichtlichen Museum, dem Ariowitsch-Haus stellvertretend für die Israelitische Religionsgemeinde, und weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bemüht sich nun gemeinsam mit dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig um die künftige Aufarbeitung.

Enkelin Nadia Vergne zu Besuch bei der Ausstellung »Der Schatz vom Dachboden. Archiv des jüdischen Fotografen Abram Mittelmann«

»Ich bin die Tochter von Siegfried Emanuel und Ruth Mittelmann. Leider verstarb mein Vater bereits 1979. Meine Mutter, ebenfalls aus Mitteldeutschland, Bernburg, stammend, berichtete mir viel aus der Familiengeschichte, auch von der Verfolgung. Die Glasplattennegative sollen für die Zukunft erhalten werden. Ich möchte, dass das Archiv meiner Familie in Leipzig für die nächste Generation öffentlich zugänglich wird, und das kostenlos. Um die Erinnerung an viele der fotografierten Menschen zu erhalten, sollten so viele Namen wie möglich und ihre Lebensumstände in der NS-Zeit erforscht werden. Das hilft nicht nur meiner Familie, sondern auch anderen jüdischen Menschen, deren Vorfahren in der Shoah ermordet wurden.«

Nadia Vergne (Saint-Escobille/Frankreich)

In einem ersten Schritt konnten alle Negative im Frühjahr 2023 durch eine Fachfirma digitalisiert werden, finanziert durch das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig.

Die inhaltliche Aufarbeitung und Erschließung stellt eine große Herausforderung und Verantwortung dar, die Zeit und sowohl museologische wie historische Expertise erfordert. Sie wird ohne Fördermittel nicht möglich sein. Soweit möglich, sollen die Portraits personifiziert werden und biografische Recherchen stattfinden. Über eine digitale Präsentation im Internet könnten Menschen aus aller Welt eingeladen und eingebunden werden, an der Fortschreibung des Bestandes mitzuhelfen.

Nun gewährt Nadia Vergne als Erbin von Abram Mittelmann, vertraglich untermauert, Institutionen und Privatpersonen zum Zwecke der Wissenschaft, der historisch-politischen Bildungsarbeit und insbesondere der jüdischen Familienforschung den freien Zugang. Eine nichtkommerzielle Nutzung bleibt kostenfrei. Damit der familiengeschichtliche Hintergrund respektiert bleibt, wird bei der Erforschung und Sicherung der Bilder eine Mitarbeit von internationalen Holocaust-Gedenkstätten angestrebt.

Ziel ist es, zum Themenjahr zur jüdischen Kultur in Sachsen im Jahr 2026 eine umfangreiche Präsentation zu erarbeiten. Die Forschungsergebnisse sollen in einem Buchprojekt und einer Ausstellung mit Veranstaltungsreihe vorgestellt werden.


Die Broschüre kann auch hier als PDF heruntergeladen werden.

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Küf Kaufmann, Direktor
Hinrichsenstraße 14
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