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Spielend den Hunger besiegen

Die Kriegsjahr 1918 war auch in Sachsen und Leipzig eine Zeit des Hungers und der drastischen Rationierung von Speisen und Ersatzprodukten. Der Umgang mit Lebensmittelkarten gehörte deshalb für die Zivilbevölkerung aller Altersstufen zum überlebenswichtigen Rüstzeug. Dies ist der erste Hintergrund des von der Kinderbuchillustratorin Gertrud Caspari (1873–1948) ersonnenen "lustigen" Brettspiels „Die Lebensmitteljagd“, das 1918 im Leipziger Verlag Alfred Hahn erschien und von dem in unseren Beständen ein vollständiges sowie Teile eines weiteren Exemplars erhalten sind.

An diesem Spiel können sich drei bis neun Spieler beteiligen. Jeder nimmt eine Figur und besetzt einen nummerierten Punkt auf dem Markt. Ein Spieler übernimmt den Schutzmann. Die Figuren rücken je nach Augenzahl zum Schutzmann vor, der eine Lebensmittelkarte austeilt. Erst mit dieser Karte können sie die Lebensmittel einholen. Die Schnelligkeit bestimmt die Augenzahl des Wurfes. Haben alle ihre Lebensmittelkarte erhalten, tritt auch der Schutzmann seinen Rundgang an, um das Publikum zu beobachten und Hamsterer abzufangen. Der Wurf des Schutzmanns gilt doppelt, denn er muss die Hamsterer auf ihren Wegen verfolgen. Wer beim Hamstern erwischt wurde, der wird er vom Schutzmann verhaftet und zum Rathaus gebracht. Dort muss er seine Ware wieder abgeben und beginnt den Einkauf von vorn. Dazu kommen trickreiche Besonderheiten, die viel von der Lebensrealität dieser Notzeit erzählen. So gibt es im Fischmarkt nur einen Hering auf zwei Personen – wer also dort ankommt, muss auf einen zweiten Spieler warten. Um schneller an die Waren zu kommen, kann man auch an der Hintertür bedient werden, muss beim Ertapptwerden die Ware jedoch wieder abgeben. Wer in einem Laden zweimal dieselbe Ware kauft, darf hingegen mit anderen Käufern tauschen – mehr als zweimal jedoch den gleichen Laden nicht betreten.

Gewonnen hat der, der seine Lebensmittelkarte zuerst abgearbeitet hat. Er kann weiter würfeln und für einen anderen Spieler die Einkäufe erledigen; wird er allerdings beim Hamstern erwischt, verlieren beide Spieler ihre gesamte Ware. Das erschreckend lebensnahe Spiel illustriert so nicht nur manche zeitlos allzu menschlichen Verhaltensweisen, sondern vermag vielleicht auch den einen oder anderen Mangel der Gegenwart in eine angemessene Proportion zu stellen.

Inv.-Nr.: V/146/2009
Hahns Spiele deutscher Künstler. Die Lebensmitteljagd. Ein lustiges Spiel für groß und klein von Gertrud Caspari, Leipzig 1918


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