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Mit Nachdruck gegen die Einschüchterung

In den letzten Jahren der DDR wuchs der Unmut in der Bevölkerung. Neben Alltagssorgen war es die Unterdrückung Andersdenkender, die insbesondere in Berlin und Leipzig Friedens- und Menschenrechtsgruppen entstehen ließ, die meist unter dem Dach der Evangelischen Kirche agierten. Trotz ständiger Beobachtung durch die Staatssicherheit und steter Gefahr der Verhaftung und „Zersetzung“ versuchten diese Oppositionsgruppen mittels Aktionen, selbst gemachten Zeitschriften (Samisdat) und Flugblättern auf sich und auf die Missstände aufmerksam zu machen.

In Leipzig gehörte ab 1987 der Theologiestudent Rainer Müller dazu. Nach seiner Exmatrikulation durch die Universität war er Mitarbeiter von Zirkeln wie der Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR. Mit Gleichgesinnten traf er sich monatlich in einem sogenannten Sonnabendskreis. Zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 1988 entwarfen sie ein gemeinsames Flugblatt mit ihren Kontaktadressen, das in einer Auflage von mehr als 7000 Exemplaren gedruckt und auch in Leipzig verteilt wurde.

Besondere Aufmerksamkeit erregte am 15. Januar 1989 der in mehreren Tausend Exemplaren verbreitete Aufruf an alle Bürger der Stadt Leipzig. Bürgerrechtler aus verschiedenen Basisgruppen verteilten dieses Flugblatt nachts in Leipziger Hausbriefkästen verschiedener Stadtteile. Nach einer Kundgebung auf dem Markt lösten Sicherheitskräfte die selbstorganisierte Demonstration nach wenigen hundert Metern auf. 53 Teilnehmende wurden festgenommen und kamen erst nach Protesten frei.

Auf dieser um 1950 gebauten und als Geschenk einer westdeutschen Partnergemeinde nach Leipzig gekommenen Wachsmatrizen-Druckmaschine wurden bis zum Herbst 1989 zahlreiche dieser Informationsblätter und politische Untergrundzeitschriften gedruckt – darunter etwa 5000 Flugblätter für die ungenehmigte Demonstration vom 15. Januar 1989. Kurz vor den großen Montagsdemonstrationen im Oktober 1989 wurde die inzwischen defekte Maschine von Rainer Müller in ein Versteck in der Stadtkirche Frohburg gebracht und erst durch Recherchen für die 2019 im Stadtgeschichtlichen Museum gezeigte Ausstellung „Charta 77 Story“ wiederentdeckt.

Druckmaschine Progress, Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig
Leihgabe: Archiv der Initiative Frieden und Menschenrechte Sachsen e.V., Rainer Müller


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