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Reine Hände trotz gefüllter Taschen

Zu den Statussymbolen gehobener Lebensart gehören in mittelalterlicher Zeit gravierte Messingschalen mit einem reichen Bildprogramm. Wegen ihrer Verbreitung im Ostseeraum werden sie Hanseschalen genannt, obwohl sie sonst mit dem Städtebündnis wenig verbindet. Seit dem 12. Jahrhundert tauchen sie in weiten Teilen Europas und so auch in Leipzig auf, das sich dank des Aufeinandertreffens der Handelsstraßen Via Regia und Via Imperii rasch zu einem Knotenpunkt des überregionalen Warenaustauschs entwickelte.

Gleichnisse der Tugenden und Laster sowie erläuternde Inschriften mit erzieherischer Tendenz zieren diese Schalen. Hanseschalen werden bei ritualisierten Handwaschungen vor dem Essen, bei der Begrüßung des Gastes, vor Gerichtsverhandlungen und möglicherweise bei Tisch eine Rolle gespielt haben. Ein Ritual, das heute notwendiger denn je erscheint, wobei das Reinwaschen seinerzeit nicht nur auf den Staub der Straße, sondern auch auf jenen moralischem Schmutz zielte, der Verfehlungen wie Hamstern, unterlassener Nothilfe oder Verschwendung anhaftete.

In Leipzig wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Grabungen drei solcher Schalen gefunden. Eine geriet in unbekannten Privatbesitz, zwei gelangten wenig später in das Stadtgeschichtliche Museum. Als tatsächlich vorhanden galt lange jedoch nur diejenige davon, deren Bildprogramm eine Folge schlichter Engel präsentierte. Im Dresdner Landesamt für Archäologie wusste man dafür von einer zweiten Schale, die starke Korrosionsspuren aufwies und um 1970 dort für das Leipziger Museum restauriert worden war. Der Leiter des Dresdner Archäologischen Archivs schwor sogar Stein und Bein, dass auch diese Hanseschale wieder nach Leipzig gelangt sein müsse. In den Karteikarten und der Datenbank des Stadtgeschichtlichen Museums fand sich allerdings nur eine sogenannte „Salatschüssel“. Da diese ominöse „Schüssel“ im Gegenlicht aber noch die dokumentierten früheren Korrosionsränder erkennen ließ, können wir gewiss sein, dass mit ihr auch die zweite Hanseschale das 21. Jahrhundert erreicht hat.

Inv.-Nr. V/762/2003
Hanseschale, 12. Jahrhundert


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