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Mundschutz Anno 1525

Mundschutz und Atemmasken sind in der aktuellen Corona-Krise zu einem heißbegehrten Gut geworden – plötzlich knapp, überteuert, in Kliniken überlebenswichtig. Auf den Leipziger Straßen sieht man sie trotzdem (noch) vergleichsweise selten.
Eine Zeitreise 500 Jahre zurück in die Kunst zeigt eine überraschende Parallele: Trugen viele Leipzigerinnen schon damals einen Mundschutz, um sich vor Infektionen zu schützen? Aber warum nur die Frauen? In den ständigen Ausstellungen des Alten Rathauses und des Museums der bildenden Künste kann man zahlreiche Gemälde des 16. Jahrhunderts entdecken, auf denen Frauen mit Hauben und Mundbinden dargestellt sind.

Was es damit auf sich hat, war lange Zeit nicht klar. Infektionsschutz jedenfalls konnte es nicht sein. Die Damen mit Mundbinde finden sich auf Epitaphen, also Gedenktafeln für Verstorbene in Leipziger Kirchen. Sie sind meist mit der gesamten trauernden Familie abgebildet. Viele der Damen wie etwa Frau Lintacher, Frau Hoffmann oder Frau Nopel kennen wir sogar mit Namen. Bis vor einigen Jahren war man mit einer Erklärung schnell bei der Hand: Es handele sich um eine Art Kinnbinde, wie man sie Verstorbenen bei der Aufbahrung umband, um den Kiefer geschlossen zu halten. Der Maler habe so ausdrücken wollen, dass diese Frauen bereits verstorben waren. Forschungen zu den Familien, die man anhand ihrer Wappen identifizieren kann, weckten hier Zweifel: Sowohl früh verstorbene Ehefrauen sind mit Mundbinden dargestellt als auch solche, die ihre Männer lange überlebten, zur Entstehungszeit des Gemäldes also noch putzmunter waren.

Gelüftet wird das Geheimnis durch einen Blick in „Trachtenbücher“ des 16. Jahrhunderts, die in Kupferstichen Trachten aus den unterschiedlichsten europäischen Regionen abbilden. Ein Trachtenbuch von 1577 zeigt unter der Rubrik „Meißner“ Trachten „Ehrbare Weiber“ beim Markt- oder Kirchgang, darunter eine ältere Dame mit Mundbinde.
Ein süddeutsches Buch von 1560 bringt es auf den Punkt: Eine Frau mit Mundbinde ist dort als trauernde Witwe bezeichnet. Und tatsächlich war in Bayern noch im 18. Jahrhundert für Witwen im ersten Trauerjahr das Tragen einer Mundbinde üblich.
Die Mundbinden der Frauen auf den Leipziger Gemälde signalisieren also ihre Witwenschaft. Diese Interpretation passt zu den in den Quellen erschlossenen Lebensdaten. Und die Frauen mit Haube ohne Mundbinde? Diese jungen Damen sind einfach bereits unter der sprichwörtlichen Haube… Verheiratete Frauen zeigten sich in vielen Kulturen in der Öffentlichkeit nur mit bedeckten Haaren!

Inv.-Nr. GM001542
Ehefrauen und Töchter des Tuchhändlers Ulrich Lintacher
Ausschnitt aus dem Gemälde „Verklärung Christi“ von Lucas Cranach d. Ä., 1525

Inv.-Nr. GM001536
Frauen und Töchter des Kramermeisters Balthasar Hoffmann,
Ausschnitt aus dem Gemälde „Das Opfer des Elias“ von Lucas Cranach d. J., 1552


Weitere Objekte können Sie in der Sammlungsdatenbank des Museums recherchieren