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Späte Gerechtigkeit?

Idyllisch wirkt die alte Connewitzer Kirche an der Prinz-Eugen-Straße (ehemals Königstraße) mit den schneebedeckten Dächern vor einem Abendhimmel im Mondschein. Im starken Kontrast zu dieser beschaulichen Atmosphäre steht diese Stadtansicht jedoch stellvertretend für eines der dunkelsten Kapitel nicht nur unserer Museums- und Sammlungsgeschichte: die Erwerbungen während des Nationalsozialismus. In die Museen gelangten seinerzeit vielfach Kunst- und Kulturgüter, die im Zuge ihrer Verfolgung und Enteignung Juden, Oppositionellen, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Freimaurern und anderen aus der verordneten Volksgemeinschaft ausgestoßenen Menschen geraubt oder weit unter Wert abgepresst wurden.

So erwarb das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig am 19.08.1941 beim Versteigerungshaus Hans Klemm in einer Auktion aus dem „Umzugsgut“ der Jüdin Laura Sonntag neun Graphiken und Fotografien. Darunter befand sich auch dieses Aquarell von Friedrich Aug. Siebicke, auf dessen Rückseite mit Bleistift der Name „Carl Sonntag“ vermerkt ist. Recherchen zu Laura und Carl Sonntag ergaben, dass es sich bei in der Auktion veräußerten Gegenständen um den Besitz des Kunstbuchbinders und Einbandgestalters Carl Sonntag (* 1883, Leipzig; † 1930, Berlin) und seiner Ehefrau sowie ihrer drei Kinder handelt. Die Familie besaß einige Kunstwerke, wertvolle Buchausgaben und Buchbinderwerkzeuge, sodass auch weitere Leipziger Institutionen wie das Bilder- und Büchermuseum sowie die Stadtbibliothek Interesse an der Auktion zeigten und dort als Käufer tätig wurden.

Nachdem Laura Sonntag und ihre Kinder in die USA emigrieren konnten, begann für die Familie insbesondere nach 1945 die Suche nach den zerstreuten Besitztümern. Es dauerte dann tatsächlich 50 Jahre, ehe die ersten bedeutenden Kunstwerke aus dem Museum der bildenden Künste 1994 an die Familie Sonntag restituiert werden konnten.

Dank einer Projektförderung des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg beschäftigt sich auch das Stadtgeschichtliche Museum mittlerweile systematisch mit den Erwerbungen aus dem Zeitraum zwischen 1933 und 1945. Darunter fällt dieses Aquarell, das erst 2007 im Rahmen der Ausstellung „Arisierung in Leipzig“ dem Ankauf bei Klemm zugeordnet werden konnte.

Die Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut ist ein langwieriger, komplexer und oft schmerzhafter Prozess. Doch kann auch künftig allein das ehrliche und dauerhaft in den Museen verankerte Bemühen um Aufklärung dazu führen, die Herkunft der Bestände zu klären und geschehenes Unrecht in Teilen wiedergutzumachen. Manchmal entstehen daraus sogar berührende Begegnungen. Daher sind wir zuversichtlich, dass es auch für die Graphiken und Fotografien der Familie Sonntag eine Form der „fairen und gerechten Lösung“ im Sinne der dazu 1998 verabredeten „Washingtoner Prinzipien“ geben wird.

Inv.-Nr.: Co 18
Friedrich Aug. Siebicke, Kirche in Connewitz, 1904


https://www.kulturgutverluste.de

Weitere Objekte können Sie in der Sammlungsdatenbank des Museums recherchieren