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Brot für die (Nach-)Welt

Dauerbackwaren und Toilettenpapier sind zurzeit ein vielgefragtes Gut – zumindest letzteres kann auch nach jahrelanger Lagerung immer noch seiner Bestimmung zugeführt werden. Inmitten weltweit verwahrter altägyptischer Fladenbrote und versteinerter mittelalterlicher Breireste fällt aber ein Sammlungsobjekt des Leipziger Museums ziemlich aus dem Rahmen – ein Brötchen. Sorgfältig von einer Glasglocke geschützt, liegt da ein steinhartes rundliches Backwerk aus dunklem Mehl. Ein Schild gibt Auskunft: „Gebacken in Leipzig in der Nacht vom 18. zum 19. Oktober 1813“.
Im tagelangen Wahnsinn von Hunderttausenden, die in der blutigsten Schlacht der seinerzeitigen Menschheitsgeschichte aufeinanderprallten, war die Versorgung mit Nahrungsmitteln ein echtes Problem. Die Soldaten plünderten in den Dörfern, die Bauern waren in die Wälder geflohen und in der Stadt Leipzig kamen kaum noch Lebensmittellieferungen an. Bäcker konnten nur noch unter dem Schutz von Militärposten arbeiten. Auf dem Höhepunkt der Schlacht bekam selbst der französische Stadtkommandant für zwei Goldstücke und viele gute Worte nur noch ein altes Kommissbrot.

Unser Memorialgebäck aber hat unter seiner gläsernen Haube überlebt. Ob da Jemand für die Nachwelt hungerte, ist fraglich. Wahrscheinlich ist es irgendwie vergessen worden. Seither gehört es zu den kuriosesten Erinnerungsstücken an die Völkerschlacht. Schon vor einhundert Jahren muss es den Erbauern des Völkerschlachtdenkmals als probates Souvenir der besonderen Art bekannt gewesen sein. Denn als im Zuge der Denkmalsanierung auch die Kassette im Schlußstein auf der Aussichtsplattform geöffnet wurde, was fand sich da neben den erwarteten Tageszeitungen und Schriftstücken? – zwei sorgfältig eingewickelte versteinerte Weizenbrötchen. Wenig später wurde die Kassette mit aktuellem Erinnerungsmaterial versehen wieder unter ihrem Steinblock versenkt. Und natürlich war auch ein Stück Weißgebäck dabei. Frisch von der Tankstelle gegenüber. 

Inv.-Nr. W/Div 25
Brötchen aus der Völkerschlacht, 18./19. Oktober 1813


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